Anne Urbat im Gespräch mit Inge Löhnig

Arvelle Magazin, Februar 2013

Arvelle Magazin: Sie sind ja erst relativ spät zur Schriftstellerei gekommen. Wie entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für das Schreiben?

Inge Löhnig: Das ist eigentlich eine lustige Geschichte, der ich inzwischen eine Überschrift verpasst habe: Hochmut kommt vor dem Fall.

Vor Jahren habe ich eine Krimirezension gelesen, die derart begeistert und ansteckend war, dass ich mir das Buch als leidenschaftliche Krimileserin sofort gekauft habe. Doch ich war enttäuscht. Nein, ich war richtig sauer. Mir hat es nicht gefallen. Das kann ich auch. Und das kann ich besser!, dachte ich. So viel zum Hochmut.


Ich habe sofort begonnen, diesen verwegenen Plan in die Tat umzusetzen. Jedenfalls habe ich das versucht und sehr schnell Abbitte geleistet. Denn man schüttelt nicht einfach mal so einen Roman aus dem Ärmel. Irgendwann hatte ich ein zweihundertseitiges Chaos angerichtet, ein buntes Durcheinander an Handlungssträngen. Nur kannte ich diesen Begriff damals noch nicht. Aber eines war klar: Ich würde es nie schaffen, dieses Desaster zu einem vernünftigen Ende zu bringen. Soviel zum Fall.


Es war also höchste Zeit, sich mit dem Handwerk des Schreibens zu beschäftigen. Das habe ich dann getan und Fachliteratur gelesen und Workshops im Münchner Literaturhaus besucht. Aus dem hochmütigen Plan wurde ein vernünftiger: Schaffe ich es, einen Roman zu schreiben, den ich gerne lesen würde? Nach fünf Jahren Arbeit war es soweit. Ich schrieb zum ersten Mal das magische Wort ENDE unter ein Manuskript. Das druckt zwar niemand. Aber es musste sein. Das mache ich heute noch so, nach acht Romanen. Und bald zum neunten Mal.


Wie fanden Sie einen Verlag?

Das habe ich nicht selbst gemacht. Ich habe mir erst eine Agentin gesucht. Sie mochte das Manuskript von Dühnforts erstem Fall „Der Sünde Sold“ auf Anhieb und hat es verschiedenen Verlagen angeboten. Ein Lektor beim Ullstein-Verlag hat sich dafür begeistert, was einen schönen Vertrag zur Folge hatte und die Platzierung als Spitzentitel im Verlagsprogramm. Und natürlich hat auch Glück eine Rolle gespielt. Damals waren deutsche Verlage verstärkt auf der Suche nach deutschen Krimiautoren. Da war ich mit meinem Erstling zur rechten Zeit am rechten Ort.


Warum schreiben Sie Krimis?

Ich lese gerne Krimis, und ich bin ein neugieriger Mensch. Mich interessiert, was Menschen antreibt, sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten. Ein Verbrechen ist ein sehr extremes Verhalten. Mich reizt es, den Ursachen einer Tat auf den Grund zu gehen, sowie der Vorgeschichte und den Verschiebungen, die in Menschen stattfinden müssen, um zum Verbrecher zu werden. Ich schreibe also keine Whodunits, sondern Whydunits. Mich interessiert nicht, wer es war, sondern wie es dazu kommen konnte und wie der Täter mit der Tat umgeht.


Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus? Haben Sie beim Schreiben bestimmte Rituale?

Am liebsten schreibe ich morgens ab sechs. Wer mich um diese Zeit beim Schreiben beobachten würde, träfe mich im Schlafanzug vor meinem Mac an, eine Kanne grünen Tee neben der Tastatur. 

Nach drei anstrengenden Jahren, in denen ich zwei Berufe hatte – Grafikerin und Autorin – bin ich mittlerweile in der glücklichen Lage, mit Schreiben allein meine Brötchen zu verdienen. Dementsprechend hat sich mein Arbeitstag verändert. Nun kann ich Vollzeit an meinen Projekten arbeiten, sie planen und recherchieren, Figuren erfinden, schreiben und überarbeiten, Satzfahnen korrigieren, Lesungen vorbereiten und noch viel mehr. Es ist ein Fulltimejob, der sehr viel Freude macht.


Was macht Ihren Kommissar Konstantin Dühnfort aus?

Dühnfort ist ein begnadeter Grübler, dabei aber ein empathischer Mann. Er hat eine durchaus melancholische Seite und ist doch auch Genußmensch. Sport ist eher nicht so sein Ding, dafür pflegt er sein kleines Bäuchlein, das eine Freundin mal treffend als Gourmet-Sixpack bezeichnet hat. Er liebt Fastfood. Wenn auch nicht im landläufigen Sinn: Er kocht gerne, allerdings muss es schnell gehen und darf durchaus kulinarisch sein. Also keine Fritten und Burger, eher Lachs und Tagliatelle. Außerdem hat Dühnfort eine Schwäche für Espresso. Am liebsten doppio und mit Dark Muscovado Sugar gesüßt. Dazu ein Stückchen Zartbitter-Schokolade. Inzwischen lebt er in einer intakten Beziehung mit Gina, seiner ehemaligen Kollegin bei der Mordkommission, die nun Altfälle bearbeitet. Er glaubt an Gerechtigkeit, allerdings nicht an Gott und macht einen verdammt guten Job. Und er hat einen Traum: Er will eine Familie gründen und Vater werden.


Wie entwickeln Sie Ihre Figuren?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche laufen mir einfach zu. So wie Vicki in „So unselig schön“. Sie sollte eigentlich nur eine Nebenrolle bekommen und hat sich dann die Hauptrolle neben Dühnfort gekapert. Mit anderen Figuren ringe ich regelrecht. Das sind meist die Bösen im Spiel. Sich in deren Haut zu begeben ist oft schwer, da muss ich Grenzen in mir überschreiten und Hürden niederreißen. Das kann allerdings manchmal auch sehr befreiend sein. Ich vergleiche das gerne mit Schauspielerei. Allerdings spiele ich nicht nur eine Rolle, sondern alle im Stück und muss dabei auch noch den Text schreiben.

Dühnfort ermittelt in Ihrer Heimatstadt München. Fließt dadurch Autobiographisches in Ihre Romane ein?     

Autobiographisches nicht. Aber natürlich meine Lebenserfahrung. Hätte ich mit dreißig zu schreiben begonnen, wären sicher andere Bücher entstanden. Und München als Schauplatz ist nicht wirklich wichtig. Jeder Roman braucht nun mal einen Handlungsort. Ich habe mich für München entschieden, weil ich mich hier auskenne. Meine Geschichten könnten ebenso gut in Helsinki spielen oder in Ottawa, Kiel oder Rosenheim. Mir geht es immer um ein Thema. Wo ich das ansiedle ist nebensächlich. Lokalkolorit ist nicht wichtig. In meinen Romanen gibt es auch selten etwas zu lachen. Keine Lachinseln, keine Schenkelklopfer.

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Bücher?

Auch das ist sehr verschieden. Beim ersten Roman hat eine Radtour den Anstoß gegeben, beim zweiten eine Zeitungsnotiz, beim dritten das Blättern in alten Rechercheunterlagen, beim vierten war es eine Frage, die  mich schon lange beschäftigte und beim fünften wieder ein Zeitungsartikel.

Ihr Erstling „Der Sünde Sold“ war gleich sehr erfolgreich. Was hat sich dadurch in ihrem Leben geändert?

Ich bin von einer Frau mit Doppelbelastung (Hausfrau, Mutter und selbständige Grafik-Designerin) zu einer Frau mit Dreifachbelastung geworden. An „Der Sünde Sold“ hatte ich fünf Jahre geschrieben und nun sollte Dühnforts zweiter Fall innerhalb eines Jahres fertig werden. Aber Spaß beiseite: Das Schreiben macht mir sehr viel Freude, daher waren die ersten Jahre meiner Autorinnentätigkeit zwar sehr arbeitsreich, aber auch sehr spannend. Inzwischen widme ich mich ganz dem Schreiben und bin damit glücklich.

Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?

Da gibt es gleich eine ganze Reihe. Momentan hat es mir Paul Harding mit „Tinkers“ angetan. Dann bin ich ein absoluter Fan von Paul Auster und neuerdings auch seiner Frau, der Schriftstellerin Siri Hustvedt. Weiter geht es bunt gemischt mit Martin Suter, Karin Alvtegen, Charles Lewinsky, Annie Proulx und natürlich Val McDermid, Elizabeth George … Ich fürchte, ich könnte da jetzt noch mindestens ein Dutzend Namen auflisten.

Neben Krimis schreiben Sie ja auch noch Jugendbücher. Was mögen Sie als Schriftstellerin an diesem Genre?

Beim Jugendroman kann ich emotional so richtig in die Vollen gehen. In diesem Alter ist alles neu, zum ersten Mal, die Gefühle sind überbordender, die Verunsicherung groß.

Woran arbeiten Sie gerade?

Meine Leser warten auf Dühnforts sechsten Fall. Die Rohfassung ist zur Hälfte fertig. Abgabetermin ist Ende Mai. Höchste Zeit also, jetzt weiter zu schreiben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!